Antifragilität und Innovation

Wie Megatrends uns befähigen können zu aktiven Gestalter*innen in der Krise zu werden.

Die Covid-19-Pandemie und ihre Reaktionen haben die Weltwirtschaft in die wahrscheinlich größte Rezession seit dem zweiten Weltkrieg schlittern lassen. Doch nicht alle Unternehmen sind gleichermaßen betroffen. Wir sind keinesfalls so machtlos, wie es oft scheint.
Der Grad der Digitalisierung und Innovationsfähigkeit ist wahrscheinlich der eine Indikator, an dem sich ablesen lässt, wie gut Unternehmen durch die Krise kommen – und Digitalisierung ist nicht erst seit gestern ein Megatrend. Auch die sich aktuell verstärkenden Megatrends der Re-Lokalisierung und Neo-Ökologie beschäftigen die Wirtschaft schon länger.
Wäre eine nachhaltigere Unternehmensstrategie also besser auf die Krise eingestellt gewesen? Und was können wir heute ganz konkret daraus lernen? Unser Stratege Tim hat dazu auf dem digitalen »Tag der Nachhaltigkeit« der IHK gesprochen.

In der ersten Jahreshälfte 2020 wirkte die Covid-19-Pandemie wie eine Naturgewalt, der wir als kleiner Spielball gegenüber traten. Über sieben Millionen Menschen weltweit haben sich bereits mit dem Corona-Virus infizierten (Stand: Juni 2020) – allein an einem einzigen Tag im April sind 9800 Menschen daran gestorben. Und die Pandemie hat insbesondere im globalen Süden ihren Höhepunkt noch lange nicht erreicht.
Doch der gesundheitlichen Krise folgt auch eine wirtschaftliche nach. Die Weltwirtschaft rutscht in eine der größten Rezessionen die wir je erlebt haben. Nach aktuellen Zahlen haben allein in den USA 40 Millionen Menschen ihre Arbeit verloren. In Deutschland ist jeder zehnte Beschäftigte in Kurzarbeit.

Covid-19, die unaufhaltsame Naturgewalt? Nicht unbedingt!

Gleichzeitig scheint die wirtschaftliche Krise nicht alle Unternehmer*innen und Unternehmen gleichermaßen zu treffen. Auch aus den besonders gebeutelten Branchen gibt es immer wieder Einzelne, die es geschafft haben, sich an die Krise anzupassen. Man denke da nur an Fynn Kliemann, der sein Fashionlabel kurzfristig in den größten europäischen Produzenten für Mund-Nase-Masken umgewandelt hat. Oder Industrieunternehmen vom Heizungs- bis zum Autobauer, die ihre Werke für die Produktion von Beatmungsgeräten nutzbar machten – und so Arbeitsplätze erhalten konnten.

Diese Beispiele machen Mut. Sie zeigen, wie Unternehmen ihren (wirtschaftlichen) Herausforderungen kreativ begegnen. Innovationsfähigkeit scheint ein wichtiger Schlüssel zu sein, um Unternehmen von Verlierern zu Gewinnern der Krise zu entwickeln.

War Digitalisierung der Schlüssel für Krisengewinner?

Als weiterer Trend lässt sich zeigen, dass Unternehmen die auf Digitalisierung setzten, besser durch die Krise gekommen sind.
Während Restaurants schließen mussten, boomten Online-Lieferservices. Während der stationäre Handel nahezu lahm lag, fuhr Amazon Rekordumsätze ein. Unternehmen, die bereits in einen digitalen Teilbereich investiert hatten, konnten sich schneller anpassen und diese Bereiche ausbauen. Schwerer hatten und haben es dagegen Unternehmen, die sich im Digitalen erst neu erfinden mussten.
Auch Unternehmen die digitale Kanäle allein für die Pflege von Kundenbeziehungen genutzt hatten, verloren diesen wichtigen Draht in der Krise nicht. Ganz zu schweigen von denjenigen Unternehmen, die ihre Geschäftsmodelle gänzlich über digitale Produkte oder Dienstleistung abbilden. Sie unterlagen einer deutlich geringeren Abhängigkeit von globalen Lieferketten – und damit deutlich geringeren direkten Auswirkungen durch die Krise.

Auch unter den Teilnehmer*innen unserer Session auf dem IHK Tag der Nachhaltigkeit 2020 zählten Digitalisierungsthemen sowie Innovation und Agilität zu den meistgenannten Helfern in der Krise. Auf die Frage, was den Unternehmen der Teilnehmer*innen durch die Krise geholfen habe, kam keine Antwort so oft wie »Digitalisierung« und verschiedene Arten von »Innovation«. Nur persönliche Faktoren, wie ein starkes Netzwerk oder dickes Finanzpolstern, wurden ähnlich häufig genannt.

Die Krise als Verstärker von Megatrends

Dass Digitalisierung ein Thema ist, mit dem sich Unternehmen beschäftigen müssen, ist dabei keineswegs neu. Vielmehr führt die Digitalisierung wahrscheinlich mindestens die Trendreports der letzten zehn Jahre an.
Auch stellen Zukunftsforscher wie Matthias Horx fest, dass Digitalisierung nicht der einzige Megatrend ist, der durch die Krise an Bedeutung gewonnen hat:

  • Re-Lokalisierung
    Insbesondere Unternehmen in starker Abhängigkeit zu globalen Right-On-Time-Lieferketten hat die Krise hart getroffen. Vertrauen und persönliche Kontakte mit Lieferanten und Kunden wiederum konnten mancherorts Härten abfedern. Werden Unternehmen sich nach der Krise hieran erinnern? Werden Wirtschaftsprozesse wieder transparenter und lokaler? Der passende Trend lautet Re-Lokalisierung und ist nicht gerade neu.
  • Neo-Ökologie und Sicherheit
    Auch das Bewusstsein von Sicherheit vieler Menschen dürfte durch die globale Krise erschüttert worden sein. Schien unsere hochtechnologisierte Gesellschaft oft unverwundbar, so wurde Menschen und Unternehmen ihre Verletzlichkeit nun schmerzlich vor Augen geführt. Wird uns dieses Bewusstsein auch im Umgang mit anderen Krisen wie dem Klimawandel beeinflussen? In jedem fall stützt diese veränderte Sicht einen Mega-Trend, der schon länger existiert: Den der Neo-Ökologie.
  • Konnektivität und New Work
    Dass so viele Menschen über Wochen – gute wie schlechte – Erfahrungen mit Homeoffice und digitalen Meetings sammeln konnten, wird auch danach Folgen haben. Nachdem sich gezeigt hat, was remote möglich ist, werden einige sich vielleicht fragen, ob es sich wirklich lohnt für ein Meeting von Berlin nach München zu fliegen – oder ob es nicht doch auch eine Videokonferenz tut.
    Homeoffice-Lösungen und flexible Arbeitszeiten sind plötzlich nicht mehr Luxus der digitalen Avantgarde. Sie werden vielmehr zum neuen Standard und haben das Potenzial, unsere Arbeitskultur fundamental zu revolutionieren. Auch die Trends hierzu sind aber neu seit mindestens 2010. Sie heißen Konnektivität und New Work.

Wir hätten uns also vielleicht nicht unbedingt auf die Krise einstellen können – dafür hätten wir sie voraussehen müssen. Die Mittel, die Unternehmen in der Krise geholfen haben, waren aber keineswegs neu.
Vielmehr zeigt uns die Krise, dass ein Blick über den eigenen Tellerrand hinaus – ein Blick auf aktuelle gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen – helfen kann, in und nach einer solchen Extremsituation besser zu bestehen.

Was können wir also daraus lernen?

Der natürliche Impuls nach einer solchen Krise ist, sich gegen kommende Krisen zu schützen. Robust oder sogar resilient zu werden. Nach unserer Betrachtung scheint dies aber kein gangbarer Weg mehr zu sein. Schließlich waren es nicht die Unternehmen, die besonders stabil und damit träge waren, die besser durch die Krise gekommen sind, sondern solche, die gerade agil und damit an schnelle Veränderungen gewöhnt waren.

Der Finanzmathematiker und philosophische Essayist Nassim Taleb hat für Systeme, die nicht nur robust gegen Krisen sind, sondern durch sie sogar wachsen können, den Begriff der »Antifragilität« geprägt. Gemeint sind also Systeme, die in Krisen nicht nur keinen Schaden nehmen, sondern sich durch sie verändern und stärker werden.
Ein gutes Beispiel, um sich Antifragilität konkret vorzustellen, ist die Hydra aus der griechischen Mythologie. Wird ihr im Kampf ein Kopf abgeschlagen, wachsen an gleicher Stelle zwei neue nach. Sie setzt also nicht etwa auf gute Panzerung (das wäre robust), sondern auf die Fähigkeit durch Bedrohungen besser zu werden.

Auch Unternehmen können antifragil werden. Also nicht nur gegen Krisen geschützt sein, sondern sogar von Krisen profitieren.

Hercules and the Lernaean Hydra

Antifragilität für Unternehmen

Die aktuelle Krise aber auch weitere vergangene zeigen immer wieder, dass ein Schlüssel für Antifragilität von Unternehmen Innovation ist. Denn wie weiter oben gezeigt, haben Unternehmen, die es gewohnt sind sich fortlaufend zu hinterfragen und neu zu erfinden einen Vorteil, wenn gewohnte Geschäftsmodelle und Prozesse plötzlich nicht mehr funktionieren. Unternehmen müssen einen Weg finden, äußerer Veränderung stetig selbst flexibel zu begegnen. Eine solche erlernte und neuausgerichete Strategie hilft bei den kommenden Krisen genauso wie bei alltäglichen Herausforderungen.

Es ist kein Zufall, dass neben Unternehmen, die sich schnell umstellen konnten, vor allem digitale Unternehmen vergleichsweise gut durch die Krise gekommen sind. Vielmehr waren es oft junge, agile – also wandlungsfähige – Unternehmen, die den Megatrend der Digitalisierung vorher bereits erkannt und umgesetzt hatten.

Unternehmen die ihre Innovationsfähigkeit stärken, können besser früh auf Trends reagieren. Dies ist ein wichtiger Resilienzfaktor in großen wie in kleinen Krisen – aber eben auch ein Faktor für Antifragilität außerhalb von Krisen.
So hilft das ständige Hinterfragen der eigenen Dienstleistungen, des Geschäftsmodells oder Produkts Mitbewerbern zuvorzukommen und somit im Wettbewerb zeitlich voraus und damit besser gewappnet zu sein. Antifragile Unternehmen versuchen sich mit einem Teil ihrer Ressourcen fortlaufend selbst durch Innovationen überflüssig zu machen, bevor es andere tun.

So erlangen antifragile Unternehmen einen Vorsprung vor Mitbewerbern und Konkurrenten in ruhigen Zeiten und existenzsichernde Alternativmöglichkeiten in Krisen, die über das Fortbestehen oder Nicht-Fortbestehen entscheiden können.

Auf das richtige Mindset kommt es an

Ein innovationsorientiertes Mindset muss dabei nicht unbedingt funktionierende Prozesse im Unternehmen bedrohen oder grundsätzlich in Frage stellen. Viel mehr kann Innovation als Ergänzung und Inspiration in den Rest eines Unternehmens ausstrahlen.

Innovationsfähigkeit ist also keineswegs etwas, das Unternehmen haben oder eben nicht haben. Kreativität in Bezug auf Geschäftsprozesse, Produkte und ganze Unternehmen lässt sich erlernen und zusätzlich zum Tagesgeschäft verfolgen. Sie ist Methodik, Wissen, Übung und Erfahrung.
Nicht umsonst stößt Design Thinking seit Jahren in immer mehr Branchen vor und agile (also sich schnell entwickelnde) Prozesse sind zum neuen Goldstandard für viele Unternehmen geworden.

Wie eine solche Methodik wirken kann, lässt sich beispielsweise an unserem Coaching-Projekt für die dfv Mediengruppe erkennen. Hier wurde ein Team aus Verlagsmitarbeiter*innen nicht nur durch unsere Begleitung zu Mitgestalter*innen der künftigen Digitalstrategie der Mediengruppe. Vielmehr konnten konkrete Methoden und Tools agiler Arbeitsweise sofort in die Abteilungen getragen werden, wo sie den Grundstein für zukünftige Innovationen legen.

Unsere sprintbasierten Coachings und Workshops sind darauf ausgelegt, mit Hilfe von konkreten hands-on Projekten schnell anwendbare Methoden zu vermitteln. Gleichzeitig geben wir einen Einblick in eine neue Arbeitskultur. Dafür schneiden wir Inhalte und Format individuell auf unsere Kunden zu und unterstützen Unternehmen so, nachhaltig innovativer und damit auch krisenfester zu werden.

Wollen Sie mehr darüber erfahren, wie Sie Innovation auch in den Alltag Ihres Unternehmens integrieren können? Sprechen Sie uns an!

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Tim J. Peters - Head of UX & Strategy

Über den Autor

Tim J. Peters
Head of UX & Strategy